Nervenkitzel [40+2]

Idealerweise sollte das Frl. Sieben ja am Montag entlassen werden. Sofern sie ohne (relevante) Abfälle ist.

Samstag Nacht hatte die Dame dann beim Trinken mit der Flasche im Mund einen massiven Abfall. Ich habe vermutlich nicht gut genug darauf geachtet, ob sie noch atmet und der Monitor ist ja ein wenig zeitverzögert bzgl. der Sauerstoffsättigung.

Als dieser dann klingelte, war das Kind schon leicht graublau. Die Schwester kam herbeigeeilt und das Frl. hat eine ganze Zeit gebraucht, bis sie wieder vernünftig geatmet und sich regeneriert hatte. Abfälle beim Trinken sollten zwar eigentlich nicht mitgezählt werden, aber dieser war dann doch zu massiv, so dass er in die Wertung einfloss und eine früheste Entlassung auf Mittwoch verschob.

Ab Sonntag habe ich dann allerdings komplett ohne Monitor gefüttert. Es war gar nicht so schwer wie ich dachte – ich muss nur einfach sehr auf Frl. Sieben und eventuelle Anzeichen einer Entsättigung achten.

Von nun an hieß es also, zur Versorgung zunächst den Schwestern Bescheid zu geben, dass ich den Monitor pausiere und die junge Dame dann bei offener Tür füttern, um im Notfall nach Hilfe rufen zu können.

Im Laufe der Tage gab es mehrfach Situationen, wo sie sich verschluckt hat oder beim Trinken schlechter geatmet, bei denen der Monitor mit Sicherheit Alarm geschrien hätte. Aber er war ja nicht an. Und wir haben die Situationen immer unter Kontrolle gehabt. Beim ersten Mal habe ich kurz gezögert, ob ich laut um Hilfe schreie. Da ich aber in der Lage war, noch zu überlegen, anstatt direkt zu schreien, war die Situation doch noch nicht ganz so extrem. Und das Frl. Sieben und ich haben das allein hinbekommen. Das war mir wichtig zu wissen. Denn daheim kann ich ja auch nicht um Hilfe schreien.

Dienstag Morgen, ich war gerade im Bad, vernahm ich aus unserem Zimmer Monitorgelingel. Erst gelb. Dann rot. (Unterschiedliche Töne – das hat man relativ schnell raus.)

Ich eilte wieder ans Bettchen und nahm sie raus. Was die Situation ausgelöst hatte, haben wir nicht rausfinden können. Auf jeden Fall hat sie zu lange zur Regeneration gebraucht, als dass man es ignorieren könnte. Also waren wir wieder bei Tag 0 von 3.

In den Tagen im Krankenhaus haben wir uns gut aneinander gewöhnt. Zum Abend ist das Frl. ein kleiner Nimmersatt und hat eine ziemliche Schreiphase. Problem im Krankenhaus ist, dass das mit der Milch immer ein wenig dauert. Die Fläschchenwärmer im Zimmer brauchen mind. 30 min, da sie nicht mit Wasser, sondern mit einer anderen Technik, arbeiten.

Zur Not kann man natürlich auch eine Schwester bitten, schnell eine Milch im Wasserbad zu erhitzen. Aber wenn gerade keine Schwester greifbar ist, hat man schlechte Karten. Das fand ich immer ein wenig schwierig abzuschätzen – wann hat das Kind Hunger. Wann stelle ich die Flasche warm. Meldet sie sich lautstark, ist es im Zweifel zu spät.

Den ET am Mittwoch haben wir ein wenig gefeiert, auch wenn wir eigentlich lieber schon daheim gewesen wären. Es wurden Fußabdrücke und Fotos gemacht und die Schwestern haben uns Kekse und Tee zum Feiern gebracht.

Halbwegs zuversichtlich haben wir dem Freitag 7 Uhr entgegengeblickt. Ab 6 Uhr wurde ich ziemlich nervös. Denn das Kind wurde auf den letzten Metern extrem unruhig und ging immer wieder in gelben Alarm, anstatt einfach friedlich und bei sehr guten Werten zu schlafen.

Viertel vor sieben wurde die junge Dame dann von spontaner Angst zu verhungern geplagt. Sie begann, sich in Rage zu schreien. Zum Glück hatte ich gerade Milch abgepumpt, die dann nicht Stunden erhitzt werden müsste.

Da Frl. Sieben aufgrund der CMV-Infektion in Isolationshaft war und nicht aus dem Zimmer durfte, ließ ich das laut schreiende Kind also kurz im Zimmer zurück, um der Schwester Bescheid zu geben, dass ich sie jetzt mit frischer Milch füttere und den Monitor ausmache. Wir freuten uns kurz noch darüber, dass ja dann die 72h vorbei wären, als ich aus Richtung unseres Zimmers Alarm hörte. Erst gelb, dann rot.

6.50 Uhr, also 10min vor Ablauf der Frist, gab das Frl. roten Alarm. Sie hatte sich so in Rage geschrien, dass sie sich verschluckt und dadurch verhaspelt hatte. Die Schwester kam direkt hinterher und ich nahm das Kindlein aus dem Bett, um sie zu beruhigen und zu stabilisieren.

Hätte das Frl. Sieben keine Isolationshaft gehabt, hätte ich sie vermutlich vom Monitor abgestöpselt und mitgenommen, um der Schwester Bescheid zu geben. Dann wäre das gar nicht passiert.

Ich bin in Tränen ausgebrochen. Die Schwester hat den Alarm direkt ausgedruckt und mir versprochen, gleich mit der Ärztin zu sprechen, was dies in Bezug auf unsere Entlassung heißt. Sie war aber zuversichtlich, dass wir nach Hause dürfen.

Ich musste gar nicht lange warten, bis die Assistenzärztin kam. Sie meinte, dass aus ihrer Sicht nichts gegen eine Entlassung spräche. Der Abfall war ja durch Schreien verursacht und das könne bei jedem normalen Baby passieren. Nur merkt man es nicht, wenn man keine Monitorüberwachung hat. Sie wollte aber noch einmal mit dem Chef Rücksprache halten, der demnächst eintreffen würde.

Kurz vor 8 Uhr kam dann die Schwester, um mir die frohe Botschaft zu übermitteln. Wir dürfen tatsächlich nach Hause. Nach 16 Wochen Krankenhaus. 2 Tage nach ET.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s